SG Friesen e.V.

Hallo Christian, schön, dass du dir die Zeit nimmst.

Hallöchen, sehr gerne!

Die offensichtlichen Fragen mal zuerst: Wie hast du mit Judo angefangen?

Oh da gibt es direkt eine kleine Anekdote. Ich wollte nämlich früher gar nicht zum Judo, sondern unbedingt Karate machen. 2007 gab es in Naumburg einen Aktionstag, wo sich viele Kampfsportarten vorgestellt haben und dort habe ich zugesehen. Im Anschluss bin ich also direkt zum Karatetrainer und habe gefragt, wie deren Trainingszeiten sind… unter anderem war Sonntag um 9 die Antwort, das war mir dann doch zu früh…

Beim Verlassen der Halle wurden mein Papa und ich von einem anderen Trainer gefragt, ob es uns gefallen habe und ob wir für mich einen Sport gefunden hätten. Dem war nicht so und so lud er uns zum einem Probetraining ein, Montag 17:00 Uhr in eben jene Halle zu kommen, in der auch diese Aktion stattfand: die alte Turnhalle in der Seminarstraße.

Und so ging ich das erste Mal zum Judo und blieb dort bis heute.

Und warum bist du bis heute beim Judo geblieben?

Ich fand sehr schnell Anschluss und Freunde im Verein, beim Sportunterricht in der Schule hatte ich nach kurzer Zeit bessere Noten zum Beispiel im Seilspringen und Turnen, aber vor allem ist es der Spaß am Sport, der mich gehalten hat. Jener Spaß steht und fällt immer mit dem Trainer, und so ist es auch und hauptsächlich Werners Verdienst, dass ich Judo lieben gelernt habe.

Du bist ja ein Ur-Naumburger Judoka, trainierst jetzt aber bei der SG Motor Babelsberg, wie ist es dazu gekommen?

Nach meinem Abitur zog es mich zum Studium fort aus Naumburg. Seit 2018 wohne ich deshalb in Potsdam. Dass ich dort weiter Judo machen wollte, stand fest. Deshalb habe ich, als die Entscheidung auf Potsdam fiel, meine brandenburgischen Kampfrichterkollegen gefragt, welchen Verein sie mir empfehlen können und so kam ich letztendlich nach Babelsberg, wo ich sehr herzlich aufgenommen wurde. 

Und die Babelsberger haben ja auch jemand herzlichen gewonnen. Du bist ja unser Kampfrichter-Experte und Anfang des Jahres hast du die Prüfung zum Bundes-B-Kampfrichter bestanden. Darunter können sich bestimmt nicht alle etwas vorstellen. Kannst du das mal ein bisschen erklären? Hat jeder Verein einen Bundes-B-Kampfrichter?

Um die Frage vorweg zu nehmen: Nein, nicht jeder Verein hat einen Bundeskampfrichter in seinen Reihen. Der Grund dafür ist einfach: um eine nationale Kampfrichterlizenz zu erlangen, muss man vorher eine Reihe anderer Lizenzen gehabt haben. Wenn man das erste Mal zu einem Kampfrichterlehrgang fährt, erhält man nach bestandener Prüfung seine Kreislizenz (E-Lizenz). Damit darf man prinzipiell auf fast alle Vereinswettkämpfe fahren und dort schiedsen. Dabei ist es egal, welche Altersklasse dort kämpft.

Man darf mit dieser Lizenz aber keine Kämpfe auf offiziellen Turnieren wie Meisterschaften oder Bundessichtungsturniere leiten. Dafür benötigt man, je nach Ebene eine höhere Lizenz. Diese erwirbt man immer durch eine schriftliche und praktische Prüfung. Entscheidet man sich für eine Kampfrichterkarriere, so durchläuft man den Weg von der Kreislizenz (E) über die Bezirkslizenz (D) und die Landeslizenz (C) hin zu den nationalen Lizenzen (B und A). Ich bin derzeit Inhaber der nationalen Lizenz B und darf deshalb unter anderem auf Gruppenmeisterschaften, in der zweiten Bundesliga und in Ausnahmefällen auch auf deutschen Meisterschaften schiedsen.

Übrigens endet die Reise nicht bei DJB-A. Es folgen danach noch die kontinentale (IJF-B) und internationale Lizenz (IJF-A). Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg.

 

Da hast du aber schon einen großen Teil dieses Weges bestritten. Herzlichen Glückwunsch dazu. Warum ist der Kampfrichter im Judo eigentlich so wichtig und was reizt dich daran?

Wer einmal auf einem Wettkampf war, der weiß, wie heiß manche Kämpfe ausgetragen werden, wie viel Emotionalität man auf, aber vor allem neben der Matte erleben kann. Dann muss es schon eine unparteiische Person geben, die fokussiert auf das Judo entscheidet, wer von beiden Kämpfern den Sieg verdient hat. Eben jene Entscheidung sollte dann natürlich weitestgehend objektiv und regelkonform sein. Ich denke, es sind hauptsächlich diese beiden Eigenschaften, die einen Kampfrichter auszeichnen: Regelkenntnis bis ins kleinste Detail und die Unbefangenheit.

Weshalb ich Kampfrichter geworden bin, kann ich gar nicht sagen. Es war nicht so, dass das schon immer mein großer Traum war. Meinen ersten Lehrgang habe ich 2015 mit Timm und Basti nur deshalb besucht, weil Werner uns gefragt hatte, ob wir nicht Lust hätten. Seitdem war ich auf knapp 100 Wettkämpfen als Schiedsrichter im Einsatz. Dabei ist es hauptsächlich das schiedsen von Kämpfen, was mir Spaß bereitet. Auf der Matte stehen, Judo hautnah erleben und bewerten, was man sieht. Das ist aber längst nicht alles, was mich reizt. Wochenends auf Wettkämpfe zu fahren bedeutet für mich auch jedes Mal Freunde zu treffen, denn das sind viele meiner Kollegen.

Werner hat in seinem Porträt erzählt, dass es im Judo die berüchtigte „17-Meter-Linie“ nicht gibt, also, dass es im Judo auch gegenüber den Kampfrichtern immer höflich zugeht. Siehst du das auch so?

Damit hat Werner vollkommen Recht. Da wir im Sport alle die 10 Judowerte leben und vertreten, begegnen einem die meisten respektvoll und höflich. Es ist aber auch unsere Aufgabe, Sportler und Trainer zu erziehen, wenn Sie jene Etikette nicht einhalten.

Wenn ein Trainer seinen Sportler unentwegt etwas zuruft, das Kind vielleicht sogar schon weint, dann muss der Trainer eben ermahnt oder auch der Halle verwiesen werden. Das kommt vor und viele Trainer entschuldigen sich auch hinterher für ihr Verhalten. Genauso bei Sportlern, die mit ihrer Niederlage (noch) nicht umgehen können. Schon das kleinste Anzeichen reicht, um Sportler vom weiteren Turnier auszuschließen sei es nur ein Abwinken dem anderen Sportler oder mir gegenüber. Ich glaube, wenn Schiedsrichter im Fußball genauso vorgingen, wie wir im Judo, ginge es dort auch gesitteter zu.

Der Kampfrichter ist also mit dafür verantwortlich, dass wir der „weiße Sport“ bleiben und im Kampf alles fair abläuft. Gibt es den einen Kampf, bei dem du stolz bist, ihn als Kampfrichter geleitet zu haben?

Einen Kampf direkt nicht, aber ich bin stolz auf Turniere bei denen ich war. Ich weiß noch, als ich das erste Mal zu einer Landesmeisterschaft durfte. Damals war ich richtig aufgeregt und voller Vorfreude bei einer solchen Veranstaltung auf der Matte stehen zu dürfen. Ähnlich war es dieses Jahr bei der mitteldeutschen Meisterschaft.

Das nächste Highlight, was hoffentlich auch stattfindet [Anmerkung: Das Interview findet im Jahr 2020 statt], sind die deutschen Hochschulmeisterschaften im Dezember, zu denen ich eingeladen bin. Mit ein wenig Glück kommt aber vorher noch ein Einsatz zum deutschen Jugendpokal hinzu, das steht aber noch in den Sternen.

Dafür drücken wir die Daumen. Was sind sonst deine persönlichen Lieblings-Judo-Momente oder Erlebnisse?

Mein bisheriges Highlight war auf jeden Fall meine Danprüfung, auf die ich mit Daniel so viele Monate hingearbeitet habe und dann nach einer kleinen Zitterpartie endlich meinen schwarzen Gürtel umlegen durfte.

Ebenso war es ein toller Moment, nach der Mitteldeutschen im Februar endlich den Bundesadler auf der Brust tragen zu dürfen.

Definitiv gehört es aber auch zu meinen Highlights, mit den Domfalken als Kämpfer unterwegs zu sein, die Matte unter Anfeuerungsrufen zu betreten und nach ein paar Minuten später siegreich zurückzukehren. Das Gefühl, wenn man seinen Partner auf den Rücken wirft oder eine Festhalte 20s gehalten hat und der Kampfrichter Ippon ruft, ist ein unbeschreiblich schönes.

Wenn ich in den Jahren eines gelernt habe dann, dass Judo kein Einzelsport ist. Man muss sich auf seinen Partner verlassen können, man vertraut sich ihm komplett an und es ist ein unglaubliches Gefühl dieses Vertrauen entgegengebracht zu bekommen!

Gefühlt kommen jedes Jahr neue Regeln, die das Judo verändern. Wie stehst du als Kampfrichter dazu?

Das ist nicht nur dein Gefühl… es ist tatsächlich so. Die ersten Turniere nach dem jährlichen Lehrgang sind immer schwer. Aber je mehr Kämpfe man leitet, desto mehr schleifen sich die Änderungen auch ein. Man muss aber in jedem Fall offen sein für das, was da kommt.

Ist das denn sinnvoll, dass sich dauernd die Regeln ändern?

Ich persönliche finde das Bestreben der IJF schon sehr gut, die Regeln so anzupassen, dass sie für Zuschauer verständlicher werden. Nichtsdestotrotz hängt es immer von den jeweiligen Änderungen ab. Erfreut war ich zum Beispiel, als der Yuko als Wertung abgeschafft wurde und die Festhaltezeiten verringert wurden.

Ich bin gespannt, was sich zu Beginn des kommenden Olympiazyklus wieder ändern wird, denn bekanntlich folgen in diesem Turnus immer gravierende Änderungen. In den Jahren dazwischen passieren oft nur kleine Änderungen von Regelinterpretationen.

Wenn man jetzt als Kampfrichter viel – sagen wir mal – höherklassiges Judo sieht, machen dann Kinderwettkämpfe eigentlich noch Spaß?

Eine sehr schwere Frage. Prinzipiell macht es mir mehr Spaß, höheren Altersklassen zuzusehen, da man dort das attraktivere Judo sieht. Nichtsdestotrotz machen auch Kinderwettkämpfe noch Spaß, wenngleich sie in meinem Kalender immer seltener werden. Wenn ich die Möglichkeit habe, gebe ich einem Turnier auf dem Erwachsene kämpfen potenziell eher den Vorrang, da sie mir die nötige Sicherheit geben für andere Wettkämpfe, auf denen ich benotet werde. 

Das ist natürlich verständlich, so ganz frei kannst du dir deine Einsätze ja auch nicht mehr aussuchen.

Ein weiteres Problem, was gegen Wettkämpfe im Kinderbereich spricht, ist, dass die Jugendregeln zwischen den Bundesländern stark variieren können. Es ist schwer, sich die verschiedenen Regeln und Interpretationen zu merken, ohne beim Schiedsen durcheinander zu kommen.

Zu unserem Verein: Was gefällt dir am Judo in Naumburg?

Es ist mein Heimatverein, hier habe ich Judo gelernt. Dabei war es vor allem die Gemeinschaft, die mich gefesselt hat. Ich habe in keinem anderen Verein einen solchen Zusammenhalt kennengelernt. Und diesen Zusammenhalt gab es nicht nur unter den Sportlern, auch unter den Eltern entstanden enge Freundschaften.

Ich habe mich auch deshalb immer so wohl gefühlt, weil Werner uns Spaß am Judo vermitteln wollte und Leistung nie im Vordergrund stand. Wir sind zwar regelmäßig zu Wettkämpfen und Meisterschaften gefahren, aber nicht mit dem erklärten Ziel alles zu gewinnen, vielmehr stand der Spaß im Vordergrund. Dafür bin ich Werner nach wie vor unendlich dankbar!

Bis heute komme ich immer wieder gerne zurück nach Naumburg zum Training oder zum Randori. Es ist immer wieder wie ein nach-Hause-kommen.

Warum sollte man mit Judo anfangen?

Judo ist mehr als nur ein Sport, es ist eine Lebenseinstellung. Jeder kann Judo machen, unabhängig vom Alter. Dabei lernt man nicht nur den Sport an sich kennen, man bekommt auch die Judowerte vermittelt, allen voran Respekt, Hilfsbereitschaft und Bescheidenheit.

Judo ist auch mehr als stumpfes Eindreschen auf den Partner. Nicht Kraft ist das Erfolgsrezept zum Sieg, Technik und Taktik entscheiden jeden Kampf mit. Ich könnte hier noch so viele weitere Gründe aufzählen, denn jeder Judoka kann andere Gründe nennen, die ihn an diesem Sport begeistern. Ich möchte es hierbei belassen.

Schlusswort?

Danke für die Möglichkeit dieses Interviews und natürlich vielen Dank fürs Lesen. Wir sehen uns spätestens bei nächsten Wettkampf, bis dahin: Hajime!