SG Friesen e.V.

Hallo Werner, danke, dass du dir die Zeit nimmst, etwas über das Judo bei den Friesen zu erzählen. Du bist ja quasi das Urgestein der Abteilung. Wie hat das denn in Naumburg mit dem Judo angefangen?

1958 glaube ich – aber da müsste ich nochmal nachforschen. Ich weiß, 1973 bekam die Gagarin-Schule eine neue Turnhalle; da fand dann die DDR-Meisterschaft im Judo statt. Das war so der Punkt, an dem sich Vieles hier entwickelte.

Und wann hast du mit Judo angefangen?

1975 hab ich einen Test in der Schule gemacht und da sagte mein Sportlehrer, ich soll‘ zum Boxen – das wollte ich zwar nicht, aber was in die Richtung konnte ich mir vorstellen. Der Bruder der Freundin eines Klassenkameraden war Judotrainer bei Dynamo-Naumburg und da haben wir gesagt „Los, da gehen wir hin.“ Der Trainer war Ronald Baumann – der lebt leider nicht mehr – mein Klassenkamerad hat später wieder aufgehört, aber ich bin geblieben.

In der Truppe da waren einige, die richtig gut waren, von Dynamo Hoppegarten kamen die ursprünglich zum Beispiel – das war damals ein richtig großer Name im DDR-Judo. Da gab es einen +100er, gegen den „durfte“ ich immer im Boden kämpfen – als damals -65er – das hat richtig Spaß gemacht mit dem. Das war zwar hart, aber wir hatten immer viel Spaß und so hab ich über die Gemeinschaft den Sport lieben gelernt.

Hast du noch ein paar Anekdoten aus der Zeit für uns?

Mal überlegen – Ich weiß noch, da gab es mal eine DDR-Meisterschaft in Halle oder Leipzig, weiß ich nicht mehr genau. Da wurde Dietmar Lorenz von irgendeinem Jungspund mit Uchi-mata weggehauen und durfte dann nicht zu den Olympischen Spielen nach Moskau deswegen – das war eine Sause. Da sieht man mal, wie spannend dieser Sport schon immer war. 1980 wurde Lorenz dann der erste deutsche Olympiasieger im Judo.

Meinen ersten Gürtel hat mir übrigens Walther Kühn aus Merseburg abgenommen – damals 4. Dan. Und noch einen Merseburger kenn ich schon aus der Zeit: Mit Volker Veit habe ich schon damals in der Brauhaushalle gekämpft, heute organisieren wir immer zusammen das Sachsen-Anhalt-Randori. Das ist schon toll – man arbeitet da mit Freunden, die etwas verbindet, was man kaum in Worte fassen kann. Ich hab Volker mal mein altes Startbuch gezeigt, in dem ein Kampf von uns drinsteht – da hat der Volker aber gelacht (lacht selbst)!

Und wie kam es, dass du Trainer geworden bist?

Das war so, 1996 konnte der damalige Trainer Michael Dietrich gesundheitlich nicht mehr. Da hat er uns – also Daniel und mich – ein bisschen „ins kalte Wasser“ geworfen, wie man so schön sagt: Er ging grinsend von der Matte und meinte „Ihr macht das schon.“ Da war Daniel auch gerade mal 16 oder 17. Ein Jahr später haben wir dann zusammen unseren Trainerschein gemacht, aber wie das so ist in dem Alter: 2002 oder 2003 war er dann erstmal weg wegen seiner Ausbildung.

2005 hat sich ja der Sportverein in Naumburg neu gegründet und du hast das dann alles alleine gemacht, richtig?

Jo – also, naja. Ganz alleine wäre zu viel gesagt. Ich hab mir viel Hilfe aus der Umgebung geholt: Elke und Detlef Hortsch aus Weißenfels haben mir geholfen, Joachim und Kevin Ladebeck aus Schönebeck, Hansi und Sylvia Strube aus Halle, Volker natürlich, genauso wie Walther Kühn und andere Merseburger. Aber auch unser heutiger amtierender Präsident Frank Schiller und unser Vizepräsident Wolfram Streso standen mir zur Seite – Wolfram kam mal extra aus Magdeburg her, um Prüfung bei uns abzunehmen. Ganz besonders hat mir Arwet Link aus Bad Kösen geholfen. Ohne die Hilfe aus dem ganzen Verband, hätte ich das nicht schaffen können – ich hab damals ja schon in Schichten gearbeitet.

Aber vor Ort warst ja doch immer du, oder?

Im Prinzip musste ich alles zusammenorganisieren, ja. Aber zu mir stießen dann auch welche, die mich hier regelmäßig unterstützt haben: Norman, Manuel, seine Frau, seine Schwester Michelle, Aka, unser Georgier – der war toll mit Kindern – Peter, Corina (die war eine ehemalige Bundesligakämpferin). Für mich war immer das wichtigste, dass kein Training ausfällt. Ich hab zum Teil Doppelschichten geschoben, um das Training abdecken zu können. Das große Problem war aber, dass viele von meinen Mitstreitern aufgrund der beruflichen Entwicklung immer irgendwann wieder weg waren. Ich bin ihnen aber allen sehr dankbar; ohne sie, hätte ich die Halle auch verschlossen lassen können.

Hast du aber nie. Und irgendwie ist da dann ja doch etwas Beständiges draus geworden, wie kam das?

(Lacht) Da stand eines Tages – ich glaube das war 2012 – Daniel wieder in der Tür und wollte eigentlich nur einen Stempel haben für die Polizei. So „Hallo Werner, lang nicht gesehen“ und so. Da hab ich ihn dann gleich requiriert für das Training am folgenden Montag. Und dann hat er doof geschaut, aber er wollte ja diesen Stempel, also hatte er keine Wahl. Aber er blieb dann irgendwie und dann haben wir uns immer abgesprochen – „Wie hast du Schicht? … Wie hast du Schicht …“ Das war dann auch der Moment ab dem wir auch mehr zu Wettkämpfen gefahren sind. Ab da traten wir mehr in Erscheinung in Sachsen-Anhalt.

Und für dich selbst war das ja auch ein neuer Punkt, oder? Hast du dann nicht mit Daniel deinen ersten Dan gemacht?

Ja, Daniel hat 2013 gesagt, dass ich endlich meinen schwarzen Gürtel machen soll. Ich hatte mich dafür schon … ich glaube viermal angemeldet, hatte aber nie einen Uke – so ist das in so einem kleinen Verein in einer kleinen Stadt.

Und da hab ich gesagt „Das machen wir nur, wenn ich dann bei deinem zweiten Dan falle!“ Und Daniel hat eingeschlagen. Am 13.07.2013 war dann der große Tag. Sylvia Strube, Hagen Wernecke und Wolfram Wagner waren meine Kommission und ich war tierisch nervös. Aber Daniel war als Uke so sicher – ich hätte mir nie einen Kopf machen brauchen. Zwei kleine Fehler hatte ich, der Rest war super und definitiv verdient. Ich war stolz drauf und hatte nie das Gefühl, ihn hinterhergeworfen zu bekommen, wie man das leider heute manchmal sieht.

(Lacht) Sylvia hat bei meiner Prüfung gesagt, dass das der teuerste erste Dan war, den es jemals gab. Ich hatte ja viermal auch schon bezahlt gehabt.

Was war das für ein Gefühl, als du dir endlich den schwarzen Gürtel umbinden konntest?

Dankbarkeit, eigentlich. Viele Jahre bin ich dem Ding hinterhergerannt, war der ewige Braungurt und dann war ich richtig erleichtert „Jetzt kannst du Judo.“ war mein Gedanke. Es war für mich ein i-Tüpfelchen und eine Belohnung für diese vielen harten Jahre das mehr oder weniger alleine zu machen.

Trotzdem lag dir ja dein persönlicher Erfolg nie vordergründig am Herzen, dafür hast du dein Herzblut in den letzten zehn Jahren auch ganz schön in das Sachsen-Anhalt-Randori gesteckt.

Das ist eine Geschichte! Die Idee ist entstanden, da saßen wir mal zusammen – ich weiß nicht mehr genau, wer da alles da war – und Volker meinte „Los, wir machen ein großes Randori!“ und das sollte aber auch was kontinuierliches sein. Eigentlich mit dem ursprünglichen Gedanken, vor dem Sparkassenpokal in Jena eine Vorbereitung für die Sportler aus Sachsen-Anhalt zu haben. Also haben wir zum Heilige-Drei-Könige-Feiertag angefangen.

Das wurde gut angenommen, also haben wir am ersten Mai den „Kampftag der Judoka“ nachgeschoben und den Tag der Einheit im selben Jahr auch noch und bei diesen drei Feiertagen ist es geblieben. Und selbst bei langen Wochenenden finden die Leute zu uns und das bestätigt, dass wir es richtig machen und das freut mich riesig. Und manchmal bin ich in den Momenten traurig, dass ich selbst nie in den Wettkampfsport richtig eingestiegen bin und das ärgert mich heute ein bisschen.

Und trotzdem hast du die letzten zwei Jahre bei den Domfalken mitgekämpft?

Also zuallererst bin ich Trainer und wenn du als Trainer nicht vorangehst, dann kannst du nicht davon ausgehen, dass die anderen das nachmachen. Und ich habe gegen ganz tolle Leute kämpfen dürfen und das macht richtig Spaß. Aber ich hab im Moment so ein paar Wehwehchen in der Schulter und im Arm und da sollen mal lieber die Jungen ran (lacht)!

Das ist Teil der Judophilosophie: Siegen durch Nachgeben – Üben zum gegenseitigen Vorteil – oder für mich eher: Zum Wohle der Gemeinschaft. Das ist für mich ganz wichtig. In anderen Sportarten, selbst Mannschaftssportarten, kann man das so nicht beobachten. Obwohl Judo eine Einzelsportart ist, gibt es ein Gemeinschaftsgefühl. Und man sieht ja, wie gut das auch für unseren Verein ist. Der Norman und der Manuel, von denen ich vorhin erzählt hab, die sind ja wieder da, als Domfalken. Das ist echt toll. Ich freu mich total darüber!

Was ist deine Prognose für den Landesmannschaftscup dieses Jahr?

Ich will die rote Laterne nicht! Also müssen zwei Mannschaften nicht kommen (lacht) – quatsch, die jungen Kerle müssen ran und die müssen knüppeln! Gewinnen wird der SV Halle bestimmt wieder, obwohl die gegen den JC Halle natürlich hart werden kämpfen müssen. (Überlegt) Ich wünsch mir Platz sechs für uns – nicht Letzter und nicht Vorletzter!

Hast du einen persönlichen Lieblings-Judo-Moment?

Als Luci gesagt hat, sie geht auf die Sportschule, das hat mich so richtig glücklich gemacht. Und als Kalle dann nachzog. Und als Christian dieses Jahr Bundes-B-Kampfrichter geworden ist. Das freut mich, wenn die, die bei mir angefangen haben, ihren Weg gehen. Ich weiß noch, der Christian wollte eigentlich zum Karate, die hatten sich nur in der Halle geirrt, aber ich hab ihm einfach den Judoanzug angezogen und dabehalten (lacht). Ach, da fällt mir so viel ein …

Wir haben mal mit 65 Mann eine Schlauchboottour gemacht. Das war auch toll, wäre schön, wenn wir sowas mal wieder auf die Beine gestellt bekommen könnten. Wir haben viel erreicht in den letzten Jahren, da gib es nicht den einen Moment. Jetzt kommen ja auch schon die ersten Leute, die ich als Kinder hatte mit ihren Kindern zum Training – ich bin alt (lacht)!

Warum sollte man denn sein Kind zum Judo bringen?

Judo macht einfach Spaß. Man lernt seine eigenen Grenzen kennen und versucht die zu überwinden. Du bist für dich selbst verantwortlich aber eben auch für deinen Partner und deine Mannschaft, ohne die kannst du nicht vorwärts kommen. Man hat das Gefühl, man gehört zusammen, auch wenn man gegeneinander kämpft. Dazu kommt, dass im Judo eine sehr höfliche Sportart ist. Sowas wie die sprichwörtliche „17-Meter-Linie“ gibt es nicht, weil es nicht nötig ist.

Und natürlich sollte man Judo bei uns machen, weil bei uns Bombentrainer rumlaufen und weil bei uns eine gute Atmosphäre herrscht. Zum Beispiel haben wir ja immer mal den Stammtisch. Es geht bei uns nicht nur um den Sport, sondern auch um die Gemeinschaft und da geben wir uns viel Mühe, für alle was bieten zu können.

Die Entwicklung im Verein gefällt mir sehr. Ich war mal ein Trainer, heute sind wir vier und ein Nachwuchstrainer und das werden noch mehr, das weiß ich. Wir haben zwei Mitglieder auf der Sportschule, einen Bundes-B-Kampfrichter und fünf Danträger, eine Männermannschaft, ein Wettkampfteam, organisieren Freizeitveranstaltungen und den Stammtisch. So falsch kann es also nicht sein, was wir hier machen.

Da muss man mal wieder sagen: Ich bedanke mich bei unseren Trainern, Eltern und Kindern für die Zeit und das Vertrauen in uns und hoffe, dass noch viele Kilometer unfallfrei für den Judosport von uns gefahren werden.

War das dein Schlusswort?

Eins hab ich noch: Judo soll Spaß machen, die Erfolge kommen dann von ganz alleine.